Lollipop: Wie Facebook unsere Privatheit auslutscht – Eine Timeline

(Bevor das irgendwann bei off-the-record verloren geht. Aus dem Oktober 2011)

Take this Lollipop heißt eine App, die gerade durchs Web kursiertund zeigt wie eine Anwendung bei Facebook die Privatsphäre auslutschen kann. Die Berechtigungen, die diese App abfragt, sind erschreckend. Eigentlich. Privacy schmilzt in dem Netzwerk seit jeher dahin. Doch wir haben uns daran gewöhnt, wie Facebook scheibchenweise die Privatheit auflöst. Eine Art Chronik. Unvollständig.

Noch 2005 heißt es bei Facebook in den Terms of Service:
“No personal information that you submit to Thefacebook will be available to any user of the Web Site who does not belong to at least one of the groups specified by you in your privacy settings.”

2010 klingt das dann, nach einigen Änderungen, so:
“When you connect with an application or website it will have access to General Information about you. The term General Information includes your and your friends’ names, profile pictures, gender, user IDs, connections, and any content shared using the Everyone privacy setting. … The default privacy setting for certain types of information you post on Facebook is set to “everyone.” … Because it takes two to connect, your privacy settings only control who can see the connection on your profile page. If you are uncomfortable with the connection being publicly available, you should consider removing (or not making) the connection.”

Man muss es nicht einmal im Detail lesen, um zu wissen, dass das Kleingedruckte sich nicht zum Vorteil der eigenen Daten gewandelt hat. Man kann es sich auch ansehen. Es wird länger und unübersichtlicher.

Einführung, Protest, Teilrückzug

Gehen wir einen Schritt zurück in den November 2007: Facebook experimentiert mitBeacon. Das System informiert den Freundeskreis von Facebook-Mitgliedern automatisch über deren Einkäufe bei Facebook-Werbepartnern. Die Aktivitäten werden dann im Newsfeed der Freunde angezeigt. Beacon ist zunächst per default eingeschaltet. Erst nach Protesten erleichtert Facebook die Abschaltung. Werbepartner ziehen sich angesichts der öffentlichen Diskussionen über die Spähwerbung freiwillig zurück. Schließlich dampft Facebook Beacon im Hebst 2009 ein.

Im Dezember 2009 verändert das Netzwerk einmal mehr die Privacy-Einstellungen. Um mehr Kontrolle über die Sichtbarkeit der Profile zu ermöglichen, heißt es. Das sieht dann so aus: Waren die Updates im Profil bislang per default „Privat“, sind sie nun jedoch “öffentlich”. Der Nutzer muss die Einstellungen beschränken. Auch die Freundesliste ist nun unangekündigt und anders als bislang, für alle Freunde sichtbar.
Das ist selbst dann besorgniserregend, wenn man es nicht gleich als Anschlag auf die Freiheit sieht.

Im Januar 2010 erklärt Mark Zuckerberg, das Zeitalter der Privatsphäre sei vorbei. Das sei ein gesellschaftlicher Trend, der sich auch auf Facebook abbilde: „People have really gotten comfortable not only sharing more information and different kinds, but more openly and with more people. That social norm is just something that has evolved over time.”

Weniger Privatsphäre ist mehr Convenience

Im April 2010 sorgt das Feature “Instant Personalization” als eine Art Social Layer für Ärger. Es erlaubt anderen Seiten ihre Dienste zu personalisieren, wenn der Nutzer bei Facebook eingeloggt ist. Es ist zunächst per default scharf geschaltet. Und das System verknüpft Profilinformationen mit öffentlichen Seiten und lässt angemeldete Facebook-User sehen, welche seiner Freunde, welche Seiten gut finden. Der Like-Button steht dabei in Verdacht auch dann Daten von Nutzern zu sammeln und an Faceboook zu senden, wenn Nutzer ihn nicht klicken.

Im Mai 2010 klagen Nutzer, dass die Facebook-App auf dem iPhone per Klick auf “Synchronisieren” alle Kontakte vom Handy (Name, E-Mail-Adresse, Telefonnummer), auch die Nichtmitglieder, auf das Netzwerk hochlädt. Facebook beschwichtigt. Die Daten seien nur für den Nutzer selbst sichtbar. Immerhin: Man kann die Daten auch löschen.

Sommer 2010: Ein netter Sevice von Facebook, der “Freundefinder”. Nutzer sollen damit über eine Adressbuch-Synchronisation (Outlook, etc) bei Facebook neue Freunde finden, die schon bei Facebook sind oder auch jene per Mail einladen, die dort nicht sind. Die importierten Adressen werden aber wohl von Facebook gespeichert und nach Beobachtung von Nutzern zu Vermarktungszwecken genutzt. Clever: „Taucht eine bei Facebook nicht registrierte E-Mail-Adresse beispielsweise in den Kontaktdaten mehrerer Mitglieder auf, leitet Facebook daraus ab, dass der Fremde vermutlich einen oder mehrere Nutzer kennt. Dann verschickt das System automatisiert die entsprechend maßgeschneiderte Einladungs-Mail.“ Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) will den US-Konzern vor Gericht zwingen, keine E-Mail-Adressen von Nichtmitgliedern abzugreifen. Facebook entschärft seinen Freundefinder.

August 2010: Facebook führt den Dienst Places in Deutschland ein. Nutzer können an Orten selbst einchecken. Aber auch meine Freunde können angeben, dass ich mich an einem Ort befinde, wenn ich den Dienst bewusst aktiviere. Dann aber ist, soweit meine Erinnerung, die Option das Freunde den jeweiligen Standort ihrer Kontakte eintragen können, erst einmal per default aktiviert. Nutzer müssen die Funktion selbst deaktivieren.

Es muss nicht immer Facebook selbst sein, das die privaten Daten auslutscht. ImOktober 2010 wird den Entwicklern von Apps auf Facebook vorgeworfen, Informationen und private Daten der Nutzer an Werbefirmen weitergereicht zu haben. Mit im Verdacht: Zynga (Farmville). Arbeit für die Gerichte.
Im April 2011 kündigt Mark Zuckerberg den „Open Graph“ an, der mehr Facebook-Funktionalität auf Drittseiten und von Drittseiten wieder zurück schaufelt. Sharing wird einfacher. Man gibt der App der Seite einmal seine Erlaubnis und künftig wird man nicht mehr gefragt, ob man seine Aktivitäten mitteilen will, es passiert dann einfach automatisch und wird ständig auf der Pinnwand angezeigt. So könnte dann beispielsweise künftig jeder Lauf mit Nike+ automatisch auf der Pinwand landen, ohne das man nochmals gefragt wird, ob man diesen Lauf teilen will. Man nennt es Convenience.

Mai 2011: Facebook fliegt damit auf, dass das Netzwerk eine PR-Agentur damit beauftragt haben soll, negative Geschichten über Konkurrenten in den Medien zu platzieren,

Juni 2011: Facebook führt die automatische Gesichtserkennung ein. Standardmäßig ist sie erst einmal eingeschaltet. Später ermöglicht Facebook dem Nutzer mehr Vorabkontrolle über das tagging.

September 2011: Der Wiener Jurastudent Max Schrems fordert von Facebook gemäß europäischer Datenschutzrichtlinie, ihm eine Auflistung seiner gespeichertem Daten zu schicken und bekommt eine CD von Facebook. Die Anleitung dürfte viele Nutzer inspiriert haben, Facebook meldet, es sei mit Herausgabe von Daten, die binnen 40 Tagen erfolgen muss, überfordert.

September 2011: Mit der Einführung der Timeline geht es auf Facebook nun nicht mehr darum, was man gerade tut, sondern um alles, was man jemals getan hat. Die Timelinemotiviert Nutzer noch mehr von sich mitzuteilen. Erst recht, wenn man nicht als Langeweiler dastehen will. Und auch der Open Graph wird konkret: Künftig werden beispielsweise Beiträge, die man auf der Website der Washington Post gelesen hat, automatisch den Freunden mitgeteilt, wenn man die von dem Medium angebotene Appnutzt. Das ist vermutlich alles sogar datenschutzkonform. Wahrscheinlich ist Facebook mit seinen Daten eh schon schlau genug.

Oder doch nicht? Im Oktober 2011 fällt Facebook damit auf, dass es perCookies auch dann die Nutzer-Aktivitäten nachverfolgt, wenn man sich ausgeloggt hat. Beim Aufruf jeder mit Facebook (beispielsweise über eine Share-Button oder eine Fanbox) verbundenen Seite werden Daten an das Netzwerk übermittelt. Facebook verspricht die unfreiwillige Lücke zu schließen.

Ohne Facebook geht im Oktober 2011 bei Spotify gar nichts mehr: Der Musikdienst gehört zu den Partnern, die bereits über eine Open Graph App verfügen, die Aktionen direkt auf der Pinnwand publiziert. Neukunden des Musikdiensts müssen nun über ein Facebook-Konto verfügen, um sich anzumelden. Das Sharing über Facebooks Open Graph ist dann voreingestellt, kann aber deaktiviert werden.

Man konnte das ahnen: “Erst indem sich Facebook zur Plattform der Datenherrschaft seiner Nutzer macht, gewinnt es seine Macht. Eine zunehmend unheimliche Macht. Aber eine Macht, die eben nicht in dem schlichten Hosting privater Information begründet liegt, wie es die meisten unreflektiert krakeelen, sondern in der Regulierung des Zugangs zu ihnen durch die Privacy-Features.”
Doch Facebook ist womöglich bereitsto big to fail.
Und Lollipop? Ist das nur ein Spiel oder doch auch eine Warnung? Je nach Geschmack. Das will sich die App TakeThisLollipop erlauben: Statusmeldungen, Notizen, Fotos und Videos in deinem Namen posten, Zugang zu den Beiträgen in deinen Neuigkeiten, Zugang zu meinen benutzerdefinierten Freundeslisten, will deine Profilinformationen: Geburtstag, Ort, Beziehungsstatus und Beziehungsdetails, deine Fotos, Orte deiner Freunde, Fotos, die mit dir geteilt wurden, Videos, die mit dir geteilt wurden.
Zu sehen ist dann ein Horrormovie, das uns unseren Umgang mit unseren Daten drastisch vor Augen führt. Its Halloween.

 Grafiken

Angaben ohne Gewähr. Für Korrekturen bin ich dankbar. Man verliert da schon mal ein wenig den Überblick

Das Lady Gaga-Prinzip für Marken

Noch bis Silvester hielt ich Lady Gaga für eine singende Perücke, die vor allem dazu dient, die Knallpresse und Boulevardformate von „Brisant“ bis „Explosiv“ zu füllen. Dann aber hörte ich erstmals Bad Romance und stellte erstens fest, dass ich – musikalisch gesehen – alt werde, das Produkt, die Musik also, gar nicht mal schlecht produziert ist und das künstlerische Gesamtkonzept durchaus stimmig ist.

Dann erfuhr ich, dass Lady Gaga obendrein das ist, was man eine verdammt erfolgreiche Künstlerin nennen könnte und ihr Ruhm wahrscheinlich dauerhafter sein wird, als der Name vermuten lässt. Denn neben dem musikalischen Potenzial ist Lady Gaga, auf dem besten Wege Madonna zu beerben, vor allem ein Vermarktungswunder. Und davon können Marken durchaus etwas lernen.

Packaging:

Ein gutes Produkt braucht eine interessante Verpackung. Und sie muss zum Inhalt passen. Die Verpackung muss ein Versprechen sein und den Inhalt gleichzeitig verstärken. Und Lady Gaga sieht durchaus so aus, als mache sie sich über die Optik ebenso viele Gedanken wie über die Musik.

Change:

Behalte den Markenkern bei, aber wechsle den Auftritt, um interessant zu bleiben. Seit den Zeiten des Glam-Rock und David Bowie hat sich wohl kaum ein Künstler ständig so oft neu präsentiert wie die New Yorkerin.

Talk of town:

Die älteste PR-Regel überhaupt. Sorge dafür, dass man über dich spricht. In unterschiedlichen Zielgruppen. Lady Gaga gelingt das durch krude Auftritte für die Yellow Press und künstlerische Shootings mit Provokations-Momentum für die Fashionistas. Das Mittel ist dabei völlig gleichgültig. Die Presse schreibt sowieso was sie will. Entscheidend ist, dass es zur Marke passt.

Profil:

Ausgrenzung anderer Gruppen stärkt das Gemeinschaftsgefühl der Markennutzer und wirkt identitätstiftend. Mit provokanten Auftritten und kunterbunten Aussagen aus einem postmodernen Taka-Tuka-Land, grenzt sich Lady Gaga zudem von Mitbewerberinnen ab. Gleichzeitig zeigt Frau Stefani Joanne Angelina Germanotta Respekt gegenüber Künstlern/Marken, die sich in einem ähnlichen Zielgruppen-Milieu bewegen. Das unterstützt die Gruppenbildung und vereinfacht den Markenwechsel.

Stammkunden:

Langfristiger Erfolg ist von einer loyalen Nutzerschaft abhängig. Diese will umsorgt werden. Ständig. Dazu gehört die Klaviatur viaTwitterMyspace und Co. Mit persönlich wirkender Kommunikation zeigt Lady Gaga, respektive ihre PR-Abteilung, wie Markenbotschafter betreut werden können.

Integration:

Musik, Outfit, Auftritt und Kommunikation bewegen sich auf allen Ebenen in einem stimmigen Gesamtbild. Das fällt umso leichter, wenn im Markenimage die Rollen als Provokateurin und gute Freundin eine Synthese eingehen.

Geheimnis:

Sie gibt sich nahbar, liefert als Künstlerin aber immer auch ein Geheimnis mit, dass die Menschen träumen lässt und ihnen eine Projektionsfläche bietet.

Name:

Der Markenname ist Botschaft: Lady gleich Premium, Gaga gleich durchgeknallt, anders, selbstbewusst.

Vision:

Lady Gaga hat gleich zwei: Top-Musik produzieren, ein Qualitätsversprechen, und Madonna vom Pop-Thron stoßen. Merke. Wer sich damit genügt Nummer 2 zu sein, landet am Ende nicht mal unter ferner liefen.

Lerne:

Das Erfolgsprinzip der Marke Lady Gaga ist nicht neu. Vor ein paar Jahren hätte man es noch die Madonna-Strategie genannt.

Shitstorms

Im März 2011 geschrieben, damals bei off-the-record, gilt immer noch.

Ich weiß gar nicht, wieso immer so getan wird, als sei ein Shitstorm für Unternehmen gleich der Weltuntergang. Oder zumindest sei es ziemlich nahe dran, wenn sich Menschen auf einer Facebook-Fanpage oder sonstwo im Mitmachweb über eine Marke, ihren Service, die Qualität der Produkte oder die Platiüden aus dem Vorstand auskübeln.

Geradezu reflexhaft sind es ja die strategisch-operativen Sprachregelungsberater, die dann mit ihrer PR-Kompetenz vor dem Wind segeln und verschreckte Unternehmen noch weiter in die Hysterie schubsen. Böses Internet, böser digitaler Mob. We can do better.

Nur in den seltensten Fällen taucht in deren PowerpointKeynotePreziBackpapier-Folien dann der Bullet-Point „Kritik als Chance“ auf. Vermutlich auch, weil reichlich Unternehmen das ohnehin noch nie verstanden haben, denn am Ende des Tages nimmt der Vorstand, WIderspruch sowieso nicht gewohnt, das alles persönlich und übel.

Dabei wäre dieser Bullet-Point nun einmal so wahr, wie einfache Sätze häufig gültig sind. So wie der Satz „Du liebst mich nicht mehr“ immer wahr ist. Das gilt in der Paarbeziehung ebenso wie im Verhältnis zwischen Marke und Kunde.
Ein Shitstorm ist aber noch kein Rosenkrieg.

Was passiert? Enttäuschte, empörte Kunden machen sich – vielfach berechtigt – Luft. Aber – und das ist ein entscheidendes und vielfach übersehenes Merkmal dieser stalinorgelnder Kritik – die Kunden sind noch da.
Das Unternehmen hat inmitten eines Shitstorm immer noch die Chance das Steuerrad neu auszurichten, wenn auch nicht unbedingt im Kielwasser der PR-Berater.

Denn die mosernden Kunden wollen gleich enttäuschten Liebhabern einen Grund haben, warum sie die Beziehung noch aufrechterhalten sollen. Die Marke liegt ihnen – bei aller Kritik – immer noch am Herzen. Irgendwie. Auch wenn vielen das nicht so recht klar ist. Aber andernfalls würden sie nicht weiterhin Zeit und Kosten investieren, wären stattdessen längst schon grußlos Zigaretten holen gegangen – ohne wiederzukommen versteht sich.

Deshalb benötigt ein Unternehmen im Shitstorm auch keine PR-Strategie, sondern einen Beziehungsratgeber. Der aber wird keine friedensstiftenden Redewendungen reichen, sondern Handlungen einfordern – in Form besseren Services, durch bessere Qualität und bessere Produkte. Ist ja auch leicht. Die Kunden machen genau das gerade lautstark klar.
Auf der kuriosen Tatsache, dass Unternehmen das nicht selbst heraushören können oder wollen, basiert das Businessmodell ganzer Branchen.

Noch kurioser ist, und eben deshalb ist ein Shitstorm kein Grund zur Panik, dass die Kunden sogar aufnahmebereit sind und eine Reaktion regelrecht herbeisehnen. Harmonie soll wieder hergestellt werden.
Schließlich ist Versöhnung ist ein schöner Moment. Er verschafft Erleichterung. Ich kenne Leute, die behaupten hinterher sei der Beischlaf sogar am schönsten. Für Marken bedeutet es, dass sie nach einem Shitstorm sogar zufriedenere Kunden als vorher bekommen könnten.

Ich habe Angst

Ich habe Angst,

vor Politikern, die ohne ordentliche Verurteilung die Freiheit der Medien kriminalisieren. Denn auch wenn es strafbar ist, geheime Dokumente weiterzuleiten, ist noch lange nicht sicher, ob deren Veröffentlichung auch strafbar ist. Denn der „Abgrund an Landesverrat“ endet an den Grenzen der offenen Gesellschaft. „Dieser (der freiheitlich, demokratischen Grundordnung) ist es eigen, dass die Staatsgeschäfte, einschließlich der militärischen, zwar von den hierfür zuständigen staatlichen Organen geführt werden, aber der ständigen Kritik oder Billigung des Volkes unterstehen.“ (BVG-Urteil zur Spiegel-Affäre).

Ich habe Angst,

vor Politikern, deren Handeln die westliche Welt mit Staaten wie China und Nordkorea vergleichbar macht und aufzeigt, wie leicht es sich selbst Demokratien damit machen, den Zugang zu Informationen und dem freien Internet zu erschweren.

Ich habe Angst,

vor Politikern, die sich in abstrusen Vergleichen ergehen, weil ihre Sprache verrät, was sie denken und wollen.

Ich habe Angst,

vor einer Entwicklung, die den Verbleib kritischer Inhalte im Web unsicherer macht und meine Daten in der Cloud womöglich künftig der Willkür Dritter überlässt. Ich kann der Cloud nicht mehr trauen.

Ich habe Angst,

vor Wirtschaftsunternehmen, die vorauseilend über legale oder illegale Handlungen urteilen und sich so zu Erfüllungsgehilfen des Staates machen, ohne das dies auf Basis unabhängiger Rechtsprechung eines Gerichts passiert. Wenn dies die Exekutive der Zukunft ist, wo bleibt dann die Gewaltenteilung?

Ich habe Angst,

vor Medien, die sich auf die Person Assange konzentrieren, verkürzt berichten und eine Figur stilisieren mit der sie Wikileaks zum Individual-Fall machen und dabei den Streit der Ideen um Transparenz und Meinungsfreiheit unterschlagen.

Ich habe Angst,

vor Medien, die kaum ein Funken medialer Solidarität zeigen, womöglich aus Angst vor der Konkurrenz eines neuen Mediums und dem Verlust des exklusiven Zugriffs auf Whistleblower. Dabei ist Wikileaks ein Medium wie sie, die gleichfalls auf Geheimnisverrat angewiesen sind und solche Inhalte publizieren, um Transparenz zu schaffen. Nichts anderes tut Wikileaks. Schon morgen könnten diese Medien die Zielscheibe sein.

Ich habe Angst,

vor allen, die die Veröffentlichung geheimer Dokumente pauschal kriminalisieren und damit die gesamte Presse kriminalisieren. Denn sie beschneiden die Rechte des Souverän auf Kontrolle der staatlichen Organe.

Ich habe Hoffnung,

weil die Idee von Transparenz und dem freien Fluss der Informationen nicht von Wikileaks abhängig ist. Wikileaks ist nur ein Anfang. Es wird viele Wikileakchen geben.

erstmals erschienen 2010