„Mörderisches Hessen“: Krimi in der Hessenschau

„Mörderisches Hessen“: Krimi in der Hessenschau

Einen ganzen Tag hatten sich die wunderbare Daye di Simoni und ihr Team Zeit genommen, um einen Bericht über „Keine feine Gesellschaft“ zu drehen. Daraus sind 4.22 Minuten geworden, die mit Spielfilm-Elementen vom Roman und von mir erzählen. Gesendet wurde er am 15. September 2013 im HR in der Hessenschau-Serie „Mörderisches Hessen“. Zu sehen gibt es den Beitrag auch jetzt noch. Hier ist ein direkter Link zum Beitrag in der ARD-Mediathek.

Und hier noch zwei Bilder vom Dreh:

 

Inspiration Moleskine

Inspiration Moleskine

moleskine
Manchmal tut es auch ein Tempo

Vor ein paar Tagen bin ich einem Autorenkollegen begegnet, der seine Gedanken in einem Schulheft notierte. Brunnen. Liniert. Allein der Anblick führt bei mir zur Schreibblockade. Muss an einer posttraumatischen Schulbelastungstörung liegen.

Ich  kritzle seit jeher in Moleskine. (Manchmal aber auch auf Taschentücher) Am Nachttisch, in der S-Bahn, sogar dort, wo alle anderen mit dem iPhone sitzen.
Das hat, und hier bitte keinen falschen Zusammenhang zum vorhergehenden Satz konstruieren, nicht nur praktische Gründe. Die edlen Notizbücher harmonieren auch besser mit meinen Snobismus und werden sich dereinst auch in Museumsvitrinen besser machen als Lin. 29, 16 Blatt chlorfrei.

Wenn sie sich so lange halten. Sie sehen nach einiger Zeit immer reichlich zerfetzt aus. So zerisssen wie die Gedankenfetzen, Satzbruchstücke, Dialog-Bausteine und Ideen-Kiesel auf den – natürlich – unlinierten Blättern.

Natürlich wäre es heute praktischer, hipper sowieso, Dinge wie Evernote (oder eine Moleskine-App) zu nutzen. Da kann man aber keine beschriebenen Tempos hineinlegen und es ist längst nicht so inspirierend.

Denn die Notizen unterliegen der 90-9-1 -Regel. 90 Prozent stellen sich beim Durchlesen als konfuser Unfug heraus, der nur kurz nach dem Aufwachen eine Art von schlaftrunkenem Sinn hatte, 9 Prozent sind wirklich brauchbar und ein Prozent des Buchstaben-Gewirrs kann ich nicht mehr entziffern.

Das ist aber sehr schön. Der qualvolle Versuch Schriftfiguren zu entziffern, die dem Voynich-Manuskript in ihrer Rätselhaftigkeit kaum nachstehen, führt dann erst recht zu wirklich inspirierenden Momenten entlang der Transkription.

Weil auf diese Weise im Moleskine plötzlich Gedanken stehen, auf die ich von selbst nie gekommen wäre.

Plädoyer für das Vergessen – ein Update

 

Eine arrivierte Pressesprecherin erzählt nach dem dritten Glas Rotwein, wie sie einst für „Bay City Rollers“ geschwärmt hat. Ich gestehe, dass ich als Teenager Fiorucci getragen habe. Lässliche Sünden. Vergessen. Doch mit dem Internet bleibt nichts mehr unter dem Mantel der Geschichte. Das Web vergisst nicht.

Unsere Entwicklung dokumentiert sich mit Facebook-Likes, mit unserer Wunschliste bei Amazon. Unsere Identität und Selbstfindung, das experimentieren mit Moden und Meinungen ist zementiert in Algorithmen und Datenbanken. Ein endloser Strom an Debatten und Meinung eingefroren in den Strom der Diskussion bei Google+. Manchen eigenen Gedanken werden wir schon morgen gestrig finden. Doch die digitalen Spuren bleiben. Erst recht, wenn wir sie künftig noch in der Facebook Timeline zementieren.

Die Erprobung und Ausgestaltung unserer Identität wird zunehmend zu einem nachvollziehbaren Prozess. Dokumentierbar, überprüfbar. Nicht nur das: Wann wir wo mit wem waren, wird dank Location Based Services zu einem dauerhaften Tagebuch. Zumindest mit der Timeline können wir unsere Entwicklung dann ein wenig modellieren, konstruieren.

Man kann sich aber auch davor erschrecken. Wenn Google-Boss Eric Schmidt launig vorschlägt, mit der Volljährigkeit sollten sich Menschen einen neuen Namen zulegen können, um die Spuren ihrer Jugendsünden vergessen zu machen, dokumentiert dies die Hilflosigkeit gegenüber dem kollektiven Gedächtnis. Schon allein der Vergesslichkeit nachhelfen zu müssen, ist ein qualitativ völlig neuer Moment in unserem Zusammenleben. Noch gibt es kein digitales Verfallsdatum.

Vielleicht werden wir deshalb eines Tages lernen müssen, unseren Narzissmus auf diese digitale Akasha-Chronik einzustellen. Doch während wir im sozialen Leben immer schon auf verschiedenen Bühnen verschiedene Rollen spielen konnten, wird das Identitätsmanagement im Web zur beinahe unlösbaren Aufgabe. Auf dem Jahrmarkt der digitalen Eitelkeit gibt es nur noch eine große Bühne – skalierbar, durchsuchbar, archivierbar. Identitätsmanagement muss daher nicht nur das Heute, sondern auch das Gestern und das Morgen umfassen.

Einmal im Monat bekomme ich eine Mail eines Menschen mit der Bitte, doch einen seiner Kommentare im Blog aus der Zeit der Nuller-Jahre zu löschen. Meist folge ich der Bitte,

Denn das Vergessen können und auf das Vergessen hoffen ist unser gutes Recht. Menschen sind schließlich keine linearen Wesen und Veränderungen alles andere als ein Zeichen mangelnder Integrität. Ein perfektes autobiografisches Gedächtnis kann die Hölle sein. Für den Einzelnen und auch für die Gesellschaft als Ganzes. Vergessen können ist deshalb auch eine Gnade.

Wir können die Information nicht völlig ausradieren. Ich hoffe daher, wir werden alle etwas vergesslicher„, sagte mir kürzlich Internet-Philosoph David Weinberger im Interview. Wir könnten, so Weinberger, „als Gesellschaft nicht überleben, wenn wir uns weiter gegenseitig anklagen, dass wir einmal jung waren.“

Das bedeutet, dass wir alle miteinander etwas gnädiger werden müssen. Das ewige Gedächtnis des Web ist deshalb auch eine Aufforderung an uns und eine Chance, gnädiger und toleranter miteinander umzugehen. Wir werden als Gesellschaft nicht überleben können, wenn wir diese Herausforderung nicht annehmen. Das mag idealistisch klingen. Es ist aber womöglich weniger phantastisch als auf die Machbarkeit eines vergesslichen Webs zu hoffen.

 

Der Artikel erschien in abgewandelter Form erstmals im August 2010 im Blog off-the-record.de

Occupy Frankfurt: Kehrwoche im Bankenviertel

Zu den Zeiten der Medici führten Zinsgeschäfte geradewegs in die Hölle, eigentlich alle Geldgeschäfte. Immerhin sorgten sie für so etwas wie ein bedingt schlechtes Gewissen. Wir verdanken dem einigen schöne Kunstwerke in Kirchen und Klöstern. Anders als zu Zeiten der Medici gibt es so etwas wie ein religiös verordnetes schlechtes Gewissen heute nicht mehr. Eher im Gegenteil.

Und anders als zu Zeiten komplizierter Wechselgeschäfte, die schon damals zu völlig überschuldeten Staaten, pardon Königen und Päpsten führten, ist der persönliche Profit inzwischen auch vom persönlichen Risiko getrennt.

Das mag das eigentliche Problem sein, nicht die Frage, ob man Investmentbanken und Geschäftsbanken wieder trennen sollte. In den USA hob die Trennung übrigens Clinton auf.

Natürlich kann man den Ärger des Mittelstands auch mit anderen Zahlen begründen.

In Farbe wird es dann richtig gruselig.

Überhaupt Trennung, die eigentlich eine Spaltung ist. Sie ist das Thema, das uns begleiten wird. Nicht nur, weil die 99 Prozent und die 1 Prozent sich so schön griffig fassen lassen. So griffig, dass auch einige der 1%-Gesellschaft gerne ihr Gewissen beruhigen möchten. Mit höheren Steuern beispielsweiseund mit Solidarität. Wie viel Prozent der 1 Prozent sind das eigentlich? Und wie viele sitzen dann doch lieber im Frankfurter Schauspiel hinter Glas und starren bei Rotwein auf die Occupy Frankfurt Zelte vor der EZB herab. Bel Etage für den Weltuntergang?
Den Menschen da unten, die so hessisch ordentlich auch die Bürgersteige fegen als sei schon Kehrwoche an der EZB,  geht es doch nicht erst seit Samstag  längst nicht mehr um ein etwas weniger Netto vom Brutto für ein paar Superreiche.

Jenen, die sich selbst organisieren, jenseits aller Gewerkschaften und Verbände des Wohlfahrtsdeutschlands, denen eh nicht mehr zu trauen ist, geht es längst nicht mehr um die Angst vor der Schuldenlast, um die Eurokrise allein.

Ein wenig ahnt man ohnehin, dass der Schrecken längst nicht ausgestanden ist, weil wir irgendwann womöglich noch die Versicherungen retten müssen. Wer will sich da noch mit Miliarden quälen?

Dieser Mittelbau der Gesellschaft lebt eher im Gefühl vergessen worden zu sein, verraten worden zu sein. Diese Mittelbau ist aber auch gebildet genug, um zu wissen, dass in seiner Mitte die Advokaten-Kinder zur Welt kommen, die später Jakobiner-Mützen tragen werden. Dieser Mittelstand hält sich nicht mehr mit Rettungsschirm-Bastelbögen auf.

Das ganze klein klein der letzten Jahre ist plötzlich einem eigenartigen neuen Wind gewichen. So eigenartig wie der stahlblaue Himmel über den Türmen der Deutschen Bank. Der Pragmatismus des Durchwurschteln ist etwas gewichen, das jahrelang so verschrien war wie Dantes Höllenqualen bei den Medici: Visionen.

Mein Bonus rettet michMein Bonus rettet mich

Es scheint als sei die Dagegen-Öffentlichkeit, die Sascha Lobo noch zum Dafür-Sein aufrufen musste, nun tatsächlich für etwas. So unklar das dafür sein auch sein mag. Es geht um eine bessere Welt. Es geht auch um einen neuen politischen und wirtschaftlichen Weg. Einer, der dem Menschen dient. Den Rest wird man sehen.

“Wir werden den Gesellschaftsvertrag neu verhandeln müssen. Was ist denn passiert? Staat und Bürger haben sich auf folgendes Modell geeinigt: Die Bürger zahlen Steuern, und dafür sorgt der Staat für das Sozialsystem und stellt die Renten der Bürger sicher. Und nun liefert der Staat nicht, was er versprochen hat. Stattdessen wird den Bürgern gesagt: Ihr müsst sparen, weil wir alle unsere Mittel zur Bankenrettung benötigen. Der Staat hat den Gesellschaftsvertrag gebrochen. Die Bürger fordern jetzt zu recht eine Neuverhandlung des grundlegenden Gesellschaftsvertrages.”

Solche Sätze hört man übrigens nicht an der Suppenküche an den EBZ, sondern man liest sie in den Mittelstands-Nachrichten von einer Asset Managerin.

Zum Aushandeln braucht diese Occupy-Bewegung  keine Führungspersönlichkeit, keinen Robespierre aus gutem Hause mehr. Der Schwarm findet den Weg. Es sind nur die Medien, die einmal mehr in ihrem kruden Hang zur  Personifizierung schon wiederLichtgestalten suchen und konstruieren. Das verkauft sich gut. Doch die  Bewegung braucht keinen neuen Obama, der mit einem wunderbaren “Naming & Shaming”-Video (Danke Thilo) ohnehin gerade vorgeführt wird.

Der Bewegung genügen Facebook, Blogs, Flickr, Twitter, Mail, Youtube und wahrscheinlich wird die Schwarmintelligenz dort irgendwann so etwas wie ein Ziel manifestieren.

An der EZB gehen die Gesichter der Aktivisten derweil zwischen den Sonntagsausflüglern unter. Man weiß  nicht mehr, wer wozu gehört. Die Familie mit zwei Kindern könnte auch gerade aus einem der knapp 40 Zelte gekommen sein. Sie machen allerdings auch nicht den Eindruck als hätten sie Angst um ihr Erspartes. Sie haben vermutlich sowieso eher Schulden. An einem Bank-Run werden sie sich nicht beteiligen. Dafür müssten sie zumindest wohlhabend sein. Rennen werden andere. Wer schlau ist, hat sich längst auf seine Burg verzogen. Wer bis zum ersten Schuss wartet, für den ist es zu spät.

Bis Mittwoch, hört man, sollen sie an der EZB bleiben dürfen. Was danach wird? Ein Anfang ist gemacht. Zwischen Hambacher Fest und der Märzrevolution lagen 16 Jahre. Für den modernen Sozialstaat brauchte es dann sogar einen Bismarck.

Das ist mehr als eine Wut, die sich da an diesem Wochenende unter diesem wunderbaren  und verheißungsvoll blauen Herbsthimmel artikuliert hat. Da ist auch das Gefühl gewachsen: ja wir können es. Und wir brauchen euch nicht dafür. “Banking is essential,banks are not”, dass war kein Sozialrevoluzzer, der das gesagt hat, sondern Bill Gates. Wahrscheinlich gilt das in der digitalen Gesellschaft auch für die Politik. Politic is essential, politicians are not.

“Ernst Jünger soll gesagt haben, Demokratie sei, wenn jeder jeden etwas fragen könne. Demnach wäre das Twitter-Medium der ideale Entwicklungsrahmen für demokratische Prozesse. Zu seinen Nutzern gehören keineswegs nur abgefahrene Freaks und Nerds. Es sind Prokuristen mittelständischer Unternehmen, junge Forscher, Kommunalpolitiker, netzaffine Rentner, ganz viele Studenten, Journalisten, Hausfrauen, Lehrer, Bundestagsmitglieder und viele mehr. ..Irgendwann, ob heute oder in fünf Jahren, wird ein führender Politiker mit dem Internet erstmals Weltpolitik gestalten: über UN und G20 hinweg. Es kann eine Sozialfrage sein, ein Umweltthema oder eine Frage von Krieg und Frieden. Aber kommen wird es jedenfalls.”

Das könnte, an einem seiner weniger witzigen Tage geschrieben, vielleicht sogar von Sascha Lobo kommen. Es kommt aber von CDU/CSU-Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier und stand in der FAZ. Da gerät gerade mehr durcheinander als nur Rechts-Links-Schemata.

Das ist zugleich das Eigenartige an diesen Herbsttagen: Die Medien begleiten, dokumentieren seltsam lustlos die Ereignisse. Machmal wenigstens so intelligent wie die FAZ, manchmal nur so Skandalisierungsgeübt wie SpOn. Hauptsache Randale. Kein Blatt aber scheint die Chance zu sehen.

Sie liegt nicht allein im Journalistischen, sondern auch in der Möglichkeit sich zum Anwalt der Leser zu machen. Denn der kommt aus dem Mittelstand.  Doch in Verlagsetagen und Redaktionsstuben ist kaum mehr als Überraschung zu spüren und Rätselraten, ob sich die deutsche Mitte nun aus ihrer historischen Trägheit  löst.

Dabei könnten die klassischen Medien diesem Herbst und ihren Lesern eine Plattform sein und dies in den eigenen Frühling verwandeln. Sie müssten nur Partei ergreifen, Stellung beziehen, Ideen liefern, Diskussionen einfordern. Stattdessen liefern sie nur Schlagzeilen und Bionade-Werbung.

Erstmals erschienen am 16.10.2011

Die Ruhe an den digitalen Stromschnellen

Über allen Gipfeln ist Ruh. Ist das nicht eine herrlich romantische Zielvorstellung? Im Web werden wir Ruhe nie finden. Nicht einmal auf Websiten, die uns mit Meeresrauschen zwingen wollen, zwei Minuten mal nichts zu tun.Es sagt  genug, wenn wir neugierig eine Website ansteuern, um zu sehen wie sich das anfühlt. Früher schaute man dann einfach mal aus dem Fenster. Moderne Büromenschen haben stattdessen Windows 7.

Zwei Minuten Passivität vor eingeschaltetem Rechner sind auch eine Ewigkeit. Lieber prokrastinieren wir uns zu Tode. Denn irgendwo im Reptiliengehirn baut sich der Druck auf, schnell noch einmal nachzusehen, was im digitalen Fluss herangeschwemmt wird. Es könnte ja etwas sein, an das man sich klammern kann, um ans rettende Ufer zu gelangen.

Das ist ja auch so eine Illusion des Web. Es verspricht uns eine Erlösung, ohne zu sagen wovon.Wozu auch? Wir haben ja auch selbst keine rechte Vorstellung davon, wie dies aussehen sollte.
Da war doch was? Schnelligkeit, Neuigkeit, Omnipräsenz. Manchmal ist das purer Selbstzweck.

Die schöne Idee von der Tiefe der Information, die uns das Web bietet, verschwindet zuweilen hinter dem Tsunami der Echtzeit, in dem selbst das Netz eines sorgsam gezimmerten Social Graph, diesem digitalen Kuratorium der privaten Welt, zerfasert.

Natürlich rasen wir nicht nur wie Nicholas Carr glaubt „auf der Oberfläche entlang wie jemand auf einem Jet-Ski“. Manchmal tauchen auch Realtime-Knechte.
Das Problem ist dabei nicht die Masse an Information. Das ist ein Argument seit der Zeit der Menschwerdung, als man vermutlich mäkelte, dass es immer mehr Worte gebe und jetzt müsse auch mal gut sein. Natürlich ist das Web nicht nur schlecht.  Es gibt auch gute Dinge. Nutzwert, Mehrwert, Relevanz. Irgendwas aus dieser Mantra-Ecke der Powerpoint-Folien eben. Und sei es nur How To Survive The Apocalypse, on $20 and the stuff in your apartment. Das Web kann helfen unsere Probleme zu lösen. Der Preis könnte sein, dass es uns auch helfen muss, Probleme zu lösen, die erst durch das Netz entstehen.

Selbstdisziplin. Das wäre ganz hilfreich. Sie musste ja sogar Goethe aufbringen, in dem er sich Zeitungen versagte, weil ihm die Information zuviel wurde, wie die FAZ hübsch erzählt hat.

Doch haben wir noch diese Selbstdiziplin? Wäre ein Twitter-Nutzer noch in der Lage ein Werk wie „Krieg und Frieden“ zu schreiben. Zumindest ein von der Länge vergleichbares?

Und werden Selbstdisziplin noch jene entwickeln, die inmitten des Tweet-Tsunamis aufwachsen? Werden sie dazulernen? Oder brauchen wir irgendwann einen Algorithmus, der uns sagt, wann es Zeit ist, wieder produktiv oder vielleicht auch einmal kontemplativ zu werden.

So einfach abschalten, ausschalten, uns aus dem digitalen Jetzt verabschieden können wir uns ja mittlerweile nicht mehr. Das Netz mag geholfen haben, Diktatoren zu stürzen, aber es ist selbst ein Diktator, weil wir ohne diese Krücke als digitale Autisten ausgrenzt werden.

Das Social Web ist Alltag, sagt so in etwa David Erikkson. Vor allem können wir diesen Alltag ohne das Social Web kaum noch managen. Jedenfalls einige von uns. Dabei wissen einige von uns sogar noch wie man überlebte, als es noch Grenzen zwischen dem physischen Leben und der digitalen Welt gab. Zumal das digitale Leben damals schlicht EDV hieß, auf Lochkarten stattfand und damit ungefähr so attraktiv war wie eine Fanpage eines Ortsvereins. Aber damals dachte man auch, ein Commodore wäre alles, was man braucht.

Erstmals erschienen im März 2011 bei off-the-record.de

Mein Onkel der Kohlenhändler – Ein Gleichnis für die Medienwelt

Mein Onkel war Kohlenhändler im Ruhrgebiet. Mittendrin. Handelte mit allem, was die Erde hergab. Anthrazit 2, Koks, Brech 2, Eierkohlen, Briketts. Ein breites Portfolio würde man heute sagen. Irgendwann war er pleite.

Warum, hat er nie verstanden. Alle redeten vom Strukturwandel. Das hörte er immer wieder. Dabei war er hier doch mitten im Pott. Gab es etwas besseres für die Bergleute als Kohle? Sägten doch am eigenen Ast, die paar Kumpel mit ihren Heizungen. Ließen sich einlullen von den Herren in ihren Anzügen in den Verwaltungen. Hielten sich wahrscheinlich für sehr avantgardistisch. Richtige Bergleute, die Malocher aus dem Pütt, die würden ihren Kohleöfen treu bleiben. Das war ja wohl klar.

Man musste nur bessere Öfen machen. Das Gemeckere über die Qualität. Da war ja was dran. Gerade in den alten Bergmannssiedlungen gab es da ein paar Schätzchen, die müssten dringend überholt werden. Auch bei der Kohle gab es ja solche und solche. Es bestätigte ihm ja jeder: Kohleofen, das war doch viel gemütlicher, wärmer, anheimelnder als diese klinische, trockene Luft, die die Heizung verbreitete.

Heizung, das funktionierte vielleicht in Düsseldorf oder München. Aber hier lag die Kohle ja quasi auf der Straße. Übrigens immer seltener. Nichts mehr mit selber schippen. Inzwischen schüttete er den Koks jedem direkt in den Kohlenkeller. Die Leute fanden das nett. Serviceoffensive würde man heute sagen.

Er kannte viele Kunden, denen Heizungen genauso verdächtig waren wie ihm. Ofenwärme ist so gemütlich. Hatte dieser Studienrat nicht verstanden, der von Effizienz gesprochen hatte und ihm empfahl auf Heizungen umzusatteln. Das wäre die Zukunft, auch hier im Revier, hatte der gesagt. Also, wenn das so wäre, das wäre ja nen heißes Ding, hatte mein Onkel gelacht und machte Witze über den Boheme in Bochum.

Irgendwann wurde die Ladung auf den LKW immer leichter. Die Strecken kürzer. Ob er sich Sorgen machen musste? Wozu? Er hatte immer noch genug Kunden. Wurde halt ein LKW ausgemustert. Der war ohnehin ziemlich hinüber.
Diese jungen Leute, die machten halt erstmal jede neue Mode mit. Früher oder später, würden sie schon noch draufkommen, was sie an der Kohle hatten.
Geradezu grotesk, sich vorzustellen, die ganzen alten Häuser in Wanne, Herne, Wattenscheid, würden umgebaut. Was das kosten würde. Solch ein Aufwand. Die Menschen im Revier kannten schließlich die Vorzüge von Kohleöfen. Die schöne Glut, das Feuer. Das war auch alles erprobt, hatte sich bewährt. Heizungen – war das denn überhaupt sicher? Man hörte da ja so einiges.

Trotzdem wurde es immer weniger. Er strich Brech und Eierkohlen aus dem Angebot. War nicht schade drum. Lief sowieso nicht so gut und brachte unterm Strich nie viel ein. Er musste sogar seine beiden Fahrer entlassen. Um den einen war es nicht schade. Der hatte jetzt auch Heizung. Kann man sich das vorstellen? Was hatte er zur Entschuldigung gesagt? „Macht nicht so viel Dreck, sacht die Olsche“. Das allerdings etliche Bergleute, auch einige alte Kumpel inzwischen Heizungen hatten, das wurmte ihn schon. Auf der Zeche redete man ihm gut zu. Keine Sorgen. Man wolle sich drum kümmern. Gebietsschutz, Subventionen, Tradition – davon war jetzt immer öfter die Rede. In den beheizten Büros.

 

Ursprünglich erschienen in Off-The-Record.de