Plädoyer für das Vergessen – ein Update

 

Eine arrivierte Pressesprecherin erzählt nach dem dritten Glas Rotwein, wie sie einst für „Bay City Rollers“ geschwärmt hat. Ich gestehe, dass ich als Teenager Fiorucci getragen habe. Lässliche Sünden. Vergessen. Doch mit dem Internet bleibt nichts mehr unter dem Mantel der Geschichte. Das Web vergisst nicht.

Unsere Entwicklung dokumentiert sich mit Facebook-Likes, mit unserer Wunschliste bei Amazon. Unsere Identität und Selbstfindung, das experimentieren mit Moden und Meinungen ist zementiert in Algorithmen und Datenbanken. Ein endloser Strom an Debatten und Meinung eingefroren in den Strom der Diskussion bei Google+. Manchen eigenen Gedanken werden wir schon morgen gestrig finden. Doch die digitalen Spuren bleiben. Erst recht, wenn wir sie künftig noch in der Facebook Timeline zementieren.

Die Erprobung und Ausgestaltung unserer Identität wird zunehmend zu einem nachvollziehbaren Prozess. Dokumentierbar, überprüfbar. Nicht nur das: Wann wir wo mit wem waren, wird dank Location Based Services zu einem dauerhaften Tagebuch. Zumindest mit der Timeline können wir unsere Entwicklung dann ein wenig modellieren, konstruieren.

Man kann sich aber auch davor erschrecken. Wenn Google-Boss Eric Schmidt launig vorschlägt, mit der Volljährigkeit sollten sich Menschen einen neuen Namen zulegen können, um die Spuren ihrer Jugendsünden vergessen zu machen, dokumentiert dies die Hilflosigkeit gegenüber dem kollektiven Gedächtnis. Schon allein der Vergesslichkeit nachhelfen zu müssen, ist ein qualitativ völlig neuer Moment in unserem Zusammenleben. Noch gibt es kein digitales Verfallsdatum.

Vielleicht werden wir deshalb eines Tages lernen müssen, unseren Narzissmus auf diese digitale Akasha-Chronik einzustellen. Doch während wir im sozialen Leben immer schon auf verschiedenen Bühnen verschiedene Rollen spielen konnten, wird das Identitätsmanagement im Web zur beinahe unlösbaren Aufgabe. Auf dem Jahrmarkt der digitalen Eitelkeit gibt es nur noch eine große Bühne – skalierbar, durchsuchbar, archivierbar. Identitätsmanagement muss daher nicht nur das Heute, sondern auch das Gestern und das Morgen umfassen.

Einmal im Monat bekomme ich eine Mail eines Menschen mit der Bitte, doch einen seiner Kommentare im Blog aus der Zeit der Nuller-Jahre zu löschen. Meist folge ich der Bitte,

Denn das Vergessen können und auf das Vergessen hoffen ist unser gutes Recht. Menschen sind schließlich keine linearen Wesen und Veränderungen alles andere als ein Zeichen mangelnder Integrität. Ein perfektes autobiografisches Gedächtnis kann die Hölle sein. Für den Einzelnen und auch für die Gesellschaft als Ganzes. Vergessen können ist deshalb auch eine Gnade.

Wir können die Information nicht völlig ausradieren. Ich hoffe daher, wir werden alle etwas vergesslicher„, sagte mir kürzlich Internet-Philosoph David Weinberger im Interview. Wir könnten, so Weinberger, „als Gesellschaft nicht überleben, wenn wir uns weiter gegenseitig anklagen, dass wir einmal jung waren.“

Das bedeutet, dass wir alle miteinander etwas gnädiger werden müssen. Das ewige Gedächtnis des Web ist deshalb auch eine Aufforderung an uns und eine Chance, gnädiger und toleranter miteinander umzugehen. Wir werden als Gesellschaft nicht überleben können, wenn wir diese Herausforderung nicht annehmen. Das mag idealistisch klingen. Es ist aber womöglich weniger phantastisch als auf die Machbarkeit eines vergesslichen Webs zu hoffen.

 

Der Artikel erschien in abgewandelter Form erstmals im August 2010 im Blog off-the-record.de