Occupy Frankfurt: Kehrwoche im Bankenviertel

Zu den Zeiten der Medici führten Zinsgeschäfte geradewegs in die Hölle, eigentlich alle Geldgeschäfte. Immerhin sorgten sie für so etwas wie ein bedingt schlechtes Gewissen. Wir verdanken dem einigen schöne Kunstwerke in Kirchen und Klöstern. Anders als zu Zeiten der Medici gibt es so etwas wie ein religiös verordnetes schlechtes Gewissen heute nicht mehr. Eher im Gegenteil.

Und anders als zu Zeiten komplizierter Wechselgeschäfte, die schon damals zu völlig überschuldeten Staaten, pardon Königen und Päpsten führten, ist der persönliche Profit inzwischen auch vom persönlichen Risiko getrennt.

Das mag das eigentliche Problem sein, nicht die Frage, ob man Investmentbanken und Geschäftsbanken wieder trennen sollte. In den USA hob die Trennung übrigens Clinton auf.

Natürlich kann man den Ärger des Mittelstands auch mit anderen Zahlen begründen.

In Farbe wird es dann richtig gruselig.

Überhaupt Trennung, die eigentlich eine Spaltung ist. Sie ist das Thema, das uns begleiten wird. Nicht nur, weil die 99 Prozent und die 1 Prozent sich so schön griffig fassen lassen. So griffig, dass auch einige der 1%-Gesellschaft gerne ihr Gewissen beruhigen möchten. Mit höheren Steuern beispielsweiseund mit Solidarität. Wie viel Prozent der 1 Prozent sind das eigentlich? Und wie viele sitzen dann doch lieber im Frankfurter Schauspiel hinter Glas und starren bei Rotwein auf die Occupy Frankfurt Zelte vor der EZB herab. Bel Etage für den Weltuntergang?
Den Menschen da unten, die so hessisch ordentlich auch die Bürgersteige fegen als sei schon Kehrwoche an der EZB,  geht es doch nicht erst seit Samstag  längst nicht mehr um ein etwas weniger Netto vom Brutto für ein paar Superreiche.

Jenen, die sich selbst organisieren, jenseits aller Gewerkschaften und Verbände des Wohlfahrtsdeutschlands, denen eh nicht mehr zu trauen ist, geht es längst nicht mehr um die Angst vor der Schuldenlast, um die Eurokrise allein.

Ein wenig ahnt man ohnehin, dass der Schrecken längst nicht ausgestanden ist, weil wir irgendwann womöglich noch die Versicherungen retten müssen. Wer will sich da noch mit Miliarden quälen?

Dieser Mittelbau der Gesellschaft lebt eher im Gefühl vergessen worden zu sein, verraten worden zu sein. Diese Mittelbau ist aber auch gebildet genug, um zu wissen, dass in seiner Mitte die Advokaten-Kinder zur Welt kommen, die später Jakobiner-Mützen tragen werden. Dieser Mittelstand hält sich nicht mehr mit Rettungsschirm-Bastelbögen auf.

Das ganze klein klein der letzten Jahre ist plötzlich einem eigenartigen neuen Wind gewichen. So eigenartig wie der stahlblaue Himmel über den Türmen der Deutschen Bank. Der Pragmatismus des Durchwurschteln ist etwas gewichen, das jahrelang so verschrien war wie Dantes Höllenqualen bei den Medici: Visionen.

Mein Bonus rettet michMein Bonus rettet mich

Es scheint als sei die Dagegen-Öffentlichkeit, die Sascha Lobo noch zum Dafür-Sein aufrufen musste, nun tatsächlich für etwas. So unklar das dafür sein auch sein mag. Es geht um eine bessere Welt. Es geht auch um einen neuen politischen und wirtschaftlichen Weg. Einer, der dem Menschen dient. Den Rest wird man sehen.

“Wir werden den Gesellschaftsvertrag neu verhandeln müssen. Was ist denn passiert? Staat und Bürger haben sich auf folgendes Modell geeinigt: Die Bürger zahlen Steuern, und dafür sorgt der Staat für das Sozialsystem und stellt die Renten der Bürger sicher. Und nun liefert der Staat nicht, was er versprochen hat. Stattdessen wird den Bürgern gesagt: Ihr müsst sparen, weil wir alle unsere Mittel zur Bankenrettung benötigen. Der Staat hat den Gesellschaftsvertrag gebrochen. Die Bürger fordern jetzt zu recht eine Neuverhandlung des grundlegenden Gesellschaftsvertrages.”

Solche Sätze hört man übrigens nicht an der Suppenküche an den EBZ, sondern man liest sie in den Mittelstands-Nachrichten von einer Asset Managerin.

Zum Aushandeln braucht diese Occupy-Bewegung  keine Führungspersönlichkeit, keinen Robespierre aus gutem Hause mehr. Der Schwarm findet den Weg. Es sind nur die Medien, die einmal mehr in ihrem kruden Hang zur  Personifizierung schon wiederLichtgestalten suchen und konstruieren. Das verkauft sich gut. Doch die  Bewegung braucht keinen neuen Obama, der mit einem wunderbaren “Naming & Shaming”-Video (Danke Thilo) ohnehin gerade vorgeführt wird.

Der Bewegung genügen Facebook, Blogs, Flickr, Twitter, Mail, Youtube und wahrscheinlich wird die Schwarmintelligenz dort irgendwann so etwas wie ein Ziel manifestieren.

An der EZB gehen die Gesichter der Aktivisten derweil zwischen den Sonntagsausflüglern unter. Man weiß  nicht mehr, wer wozu gehört. Die Familie mit zwei Kindern könnte auch gerade aus einem der knapp 40 Zelte gekommen sein. Sie machen allerdings auch nicht den Eindruck als hätten sie Angst um ihr Erspartes. Sie haben vermutlich sowieso eher Schulden. An einem Bank-Run werden sie sich nicht beteiligen. Dafür müssten sie zumindest wohlhabend sein. Rennen werden andere. Wer schlau ist, hat sich längst auf seine Burg verzogen. Wer bis zum ersten Schuss wartet, für den ist es zu spät.

Bis Mittwoch, hört man, sollen sie an der EZB bleiben dürfen. Was danach wird? Ein Anfang ist gemacht. Zwischen Hambacher Fest und der Märzrevolution lagen 16 Jahre. Für den modernen Sozialstaat brauchte es dann sogar einen Bismarck.

Das ist mehr als eine Wut, die sich da an diesem Wochenende unter diesem wunderbaren  und verheißungsvoll blauen Herbsthimmel artikuliert hat. Da ist auch das Gefühl gewachsen: ja wir können es. Und wir brauchen euch nicht dafür. “Banking is essential,banks are not”, dass war kein Sozialrevoluzzer, der das gesagt hat, sondern Bill Gates. Wahrscheinlich gilt das in der digitalen Gesellschaft auch für die Politik. Politic is essential, politicians are not.

“Ernst Jünger soll gesagt haben, Demokratie sei, wenn jeder jeden etwas fragen könne. Demnach wäre das Twitter-Medium der ideale Entwicklungsrahmen für demokratische Prozesse. Zu seinen Nutzern gehören keineswegs nur abgefahrene Freaks und Nerds. Es sind Prokuristen mittelständischer Unternehmen, junge Forscher, Kommunalpolitiker, netzaffine Rentner, ganz viele Studenten, Journalisten, Hausfrauen, Lehrer, Bundestagsmitglieder und viele mehr. ..Irgendwann, ob heute oder in fünf Jahren, wird ein führender Politiker mit dem Internet erstmals Weltpolitik gestalten: über UN und G20 hinweg. Es kann eine Sozialfrage sein, ein Umweltthema oder eine Frage von Krieg und Frieden. Aber kommen wird es jedenfalls.”

Das könnte, an einem seiner weniger witzigen Tage geschrieben, vielleicht sogar von Sascha Lobo kommen. Es kommt aber von CDU/CSU-Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier und stand in der FAZ. Da gerät gerade mehr durcheinander als nur Rechts-Links-Schemata.

Das ist zugleich das Eigenartige an diesen Herbsttagen: Die Medien begleiten, dokumentieren seltsam lustlos die Ereignisse. Machmal wenigstens so intelligent wie die FAZ, manchmal nur so Skandalisierungsgeübt wie SpOn. Hauptsache Randale. Kein Blatt aber scheint die Chance zu sehen.

Sie liegt nicht allein im Journalistischen, sondern auch in der Möglichkeit sich zum Anwalt der Leser zu machen. Denn der kommt aus dem Mittelstand.  Doch in Verlagsetagen und Redaktionsstuben ist kaum mehr als Überraschung zu spüren und Rätselraten, ob sich die deutsche Mitte nun aus ihrer historischen Trägheit  löst.

Dabei könnten die klassischen Medien diesem Herbst und ihren Lesern eine Plattform sein und dies in den eigenen Frühling verwandeln. Sie müssten nur Partei ergreifen, Stellung beziehen, Ideen liefern, Diskussionen einfordern. Stattdessen liefern sie nur Schlagzeilen und Bionade-Werbung.

Erstmals erschienen am 16.10.2011