Mein Onkel der Kohlenhändler – Ein Gleichnis für die Medienwelt

Mein Onkel war Kohlenhändler im Ruhrgebiet. Mittendrin. Handelte mit allem, was die Erde hergab. Anthrazit 2, Koks, Brech 2, Eierkohlen, Briketts. Ein breites Portfolio würde man heute sagen. Irgendwann war er pleite.

Warum, hat er nie verstanden. Alle redeten vom Strukturwandel. Das hörte er immer wieder. Dabei war er hier doch mitten im Pott. Gab es etwas besseres für die Bergleute als Kohle? Sägten doch am eigenen Ast, die paar Kumpel mit ihren Heizungen. Ließen sich einlullen von den Herren in ihren Anzügen in den Verwaltungen. Hielten sich wahrscheinlich für sehr avantgardistisch. Richtige Bergleute, die Malocher aus dem Pütt, die würden ihren Kohleöfen treu bleiben. Das war ja wohl klar.

Man musste nur bessere Öfen machen. Das Gemeckere über die Qualität. Da war ja was dran. Gerade in den alten Bergmannssiedlungen gab es da ein paar Schätzchen, die müssten dringend überholt werden. Auch bei der Kohle gab es ja solche und solche. Es bestätigte ihm ja jeder: Kohleofen, das war doch viel gemütlicher, wärmer, anheimelnder als diese klinische, trockene Luft, die die Heizung verbreitete.

Heizung, das funktionierte vielleicht in Düsseldorf oder München. Aber hier lag die Kohle ja quasi auf der Straße. Übrigens immer seltener. Nichts mehr mit selber schippen. Inzwischen schüttete er den Koks jedem direkt in den Kohlenkeller. Die Leute fanden das nett. Serviceoffensive würde man heute sagen.

Er kannte viele Kunden, denen Heizungen genauso verdächtig waren wie ihm. Ofenwärme ist so gemütlich. Hatte dieser Studienrat nicht verstanden, der von Effizienz gesprochen hatte und ihm empfahl auf Heizungen umzusatteln. Das wäre die Zukunft, auch hier im Revier, hatte der gesagt. Also, wenn das so wäre, das wäre ja nen heißes Ding, hatte mein Onkel gelacht und machte Witze über den Boheme in Bochum.

Irgendwann wurde die Ladung auf den LKW immer leichter. Die Strecken kürzer. Ob er sich Sorgen machen musste? Wozu? Er hatte immer noch genug Kunden. Wurde halt ein LKW ausgemustert. Der war ohnehin ziemlich hinüber.
Diese jungen Leute, die machten halt erstmal jede neue Mode mit. Früher oder später, würden sie schon noch draufkommen, was sie an der Kohle hatten.
Geradezu grotesk, sich vorzustellen, die ganzen alten Häuser in Wanne, Herne, Wattenscheid, würden umgebaut. Was das kosten würde. Solch ein Aufwand. Die Menschen im Revier kannten schließlich die Vorzüge von Kohleöfen. Die schöne Glut, das Feuer. Das war auch alles erprobt, hatte sich bewährt. Heizungen – war das denn überhaupt sicher? Man hörte da ja so einiges.

Trotzdem wurde es immer weniger. Er strich Brech und Eierkohlen aus dem Angebot. War nicht schade drum. Lief sowieso nicht so gut und brachte unterm Strich nie viel ein. Er musste sogar seine beiden Fahrer entlassen. Um den einen war es nicht schade. Der hatte jetzt auch Heizung. Kann man sich das vorstellen? Was hatte er zur Entschuldigung gesagt? „Macht nicht so viel Dreck, sacht die Olsche“. Das allerdings etliche Bergleute, auch einige alte Kumpel inzwischen Heizungen hatten, das wurmte ihn schon. Auf der Zeche redete man ihm gut zu. Keine Sorgen. Man wolle sich drum kümmern. Gebietsschutz, Subventionen, Tradition – davon war jetzt immer öfter die Rede. In den beheizten Büros.

 

Ursprünglich erschienen in Off-The-Record.de