Die Ruhe an den digitalen Stromschnellen

Über allen Gipfeln ist Ruh. Ist das nicht eine herrlich romantische Zielvorstellung? Im Web werden wir Ruhe nie finden. Nicht einmal auf Websiten, die uns mit Meeresrauschen zwingen wollen, zwei Minuten mal nichts zu tun.Es sagt  genug, wenn wir neugierig eine Website ansteuern, um zu sehen wie sich das anfühlt. Früher schaute man dann einfach mal aus dem Fenster. Moderne Büromenschen haben stattdessen Windows 7.

Zwei Minuten Passivität vor eingeschaltetem Rechner sind auch eine Ewigkeit. Lieber prokrastinieren wir uns zu Tode. Denn irgendwo im Reptiliengehirn baut sich der Druck auf, schnell noch einmal nachzusehen, was im digitalen Fluss herangeschwemmt wird. Es könnte ja etwas sein, an das man sich klammern kann, um ans rettende Ufer zu gelangen.

Das ist ja auch so eine Illusion des Web. Es verspricht uns eine Erlösung, ohne zu sagen wovon.Wozu auch? Wir haben ja auch selbst keine rechte Vorstellung davon, wie dies aussehen sollte.
Da war doch was? Schnelligkeit, Neuigkeit, Omnipräsenz. Manchmal ist das purer Selbstzweck.

Die schöne Idee von der Tiefe der Information, die uns das Web bietet, verschwindet zuweilen hinter dem Tsunami der Echtzeit, in dem selbst das Netz eines sorgsam gezimmerten Social Graph, diesem digitalen Kuratorium der privaten Welt, zerfasert.

Natürlich rasen wir nicht nur wie Nicholas Carr glaubt „auf der Oberfläche entlang wie jemand auf einem Jet-Ski“. Manchmal tauchen auch Realtime-Knechte.
Das Problem ist dabei nicht die Masse an Information. Das ist ein Argument seit der Zeit der Menschwerdung, als man vermutlich mäkelte, dass es immer mehr Worte gebe und jetzt müsse auch mal gut sein. Natürlich ist das Web nicht nur schlecht.  Es gibt auch gute Dinge. Nutzwert, Mehrwert, Relevanz. Irgendwas aus dieser Mantra-Ecke der Powerpoint-Folien eben. Und sei es nur How To Survive The Apocalypse, on $20 and the stuff in your apartment. Das Web kann helfen unsere Probleme zu lösen. Der Preis könnte sein, dass es uns auch helfen muss, Probleme zu lösen, die erst durch das Netz entstehen.

Selbstdisziplin. Das wäre ganz hilfreich. Sie musste ja sogar Goethe aufbringen, in dem er sich Zeitungen versagte, weil ihm die Information zuviel wurde, wie die FAZ hübsch erzählt hat.

Doch haben wir noch diese Selbstdiziplin? Wäre ein Twitter-Nutzer noch in der Lage ein Werk wie „Krieg und Frieden“ zu schreiben. Zumindest ein von der Länge vergleichbares?

Und werden Selbstdisziplin noch jene entwickeln, die inmitten des Tweet-Tsunamis aufwachsen? Werden sie dazulernen? Oder brauchen wir irgendwann einen Algorithmus, der uns sagt, wann es Zeit ist, wieder produktiv oder vielleicht auch einmal kontemplativ zu werden.

So einfach abschalten, ausschalten, uns aus dem digitalen Jetzt verabschieden können wir uns ja mittlerweile nicht mehr. Das Netz mag geholfen haben, Diktatoren zu stürzen, aber es ist selbst ein Diktator, weil wir ohne diese Krücke als digitale Autisten ausgrenzt werden.

Das Social Web ist Alltag, sagt so in etwa David Erikkson. Vor allem können wir diesen Alltag ohne das Social Web kaum noch managen. Jedenfalls einige von uns. Dabei wissen einige von uns sogar noch wie man überlebte, als es noch Grenzen zwischen dem physischen Leben und der digitalen Welt gab. Zumal das digitale Leben damals schlicht EDV hieß, auf Lochkarten stattfand und damit ungefähr so attraktiv war wie eine Fanpage eines Ortsvereins. Aber damals dachte man auch, ein Commodore wäre alles, was man braucht.

Erstmals erschienen im März 2011 bei off-the-record.de